Fokus: Mint-Schule der Zukunft

Es muss nicht unbedingt die Schule sein

Wissenwerkstätten: Von außerschulischen Lernorten haben nicht nur die Schüler etwas. Auch Lehrer und Unternehmen profitieren.

Putzmäuse, Hebebühnen, Propellerfahrzeuge, Kerzenbote oder heiße Drähte: Kimberly Laß aus Diepholz hat schon 70 Stück davon in der Wissenswerkstatt gefertigt. Sie kommt immer wieder gerne in den außerschulischen Lernort in Diepholz, der seine Wurzeln in der vor zehn Jahren entstandenen Wissenswerkstatt von ZF und VDI in Friedrichshafen hat.

Die Schulen haben die Bedeutung von außerschulischen Lernorten wie den Wissenswerkstätten erkannt. „Eine solche Möglichkeit kann die Schule nicht bieten“, sagt Lehrerin Sarah Börgerding aus Damme.

In der Wissenswerkstatt drücken auch Grundschullehrkräfte die Schulbank. Kinder sollten offen und nicht zielgerichtet experimentieren dürfen, wird den Lehrern dabei klar.Es muss nicht immer sofort eine Erklärung für bestimmte Phänomene vorliegen. Der Weg ist meist das Ziel. Wie bei Kimberly soll die Entdeckerlust der kinder gefördert werden – und das nicht nur im Schulunterricht. Dafür geben die Wissenswerkstätten alles: Immer mehr Schüler feiern ihre Kindergeburtstage in der Wissenswerkstatt oder nehmen an Nachmittagskursen teil, bei denen sie ihre Wunschobjekte erstellen können. Das können elektrogetriebene Rennautos, kleine Dampfmaschinen oder Lautsprecherboxen sein. Dabei geht es nicht darum, Teile eines Bausatzes zusammenzusetzten, sondern diese auch selbst herzustellen. In Diepholz gibt es eine Koorperation mit der Metallwerksattt des Berufsbildungszentrums "Dr. Jürgen Ulderup". Sie stellt Räume und Machinen zur Verfügung, die Wissenswerkstatt Personal und Material.

Die Schüler sollten spielerisch mit Naturwissensschaften und Technik vertraut werden, betont Robert Vöhringer, Leiter der Friedrichshafener Wissenswerkstatt. Die Schüler wiederum sind vom Experimentieren so begeistert, dass sie sich eine berufliche Perspektive in diesem Bereich vorstellen können. Darauf wären die meisten von ihnen ohne die Wissenswerkstätten nie gekommen.

Kimberly und ihre Altersgenossen sind Beispiele dafür, wie die Initiative Wissenwerkstatt Türöffner für Berufsziele werden kann. Sie wurde 2008 am Bodensee als gemeinnütziger Verein vom VDI, der Stadt Friedrichshafen und der ZF Friedrichshafen AG gegründet. Mittlerweile sind auch der Arbeitgeberverband Südwestmetall, die Zeppelin GmbH und das Kultusministerim Baden-Württemberg fördernd mit im Boot. Der 2016 verstorbene Hubertus Christ, ehemaliger VDI-Präsident und ZF-Technik-Vorstand, sah früh die Notwendigkeit, dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Während seiner VDI Präsidentschaft existierte bereits die "VDI Garage Leipzig". Christ sah in der Initiative die Chance, den Ingeneur und Technikermangel zu reduzieren. Christ war klar, dass Neugierde und Schffensgeist die wesentlichen Triebfedern sind. Und das alles ohne schulischen Zwang, sondern immer am Eifer und Tatendrang der Kinder und Jugendlichen orientiert. "Es gibt keine Noten, auch keine Anwesenheitspflicht. Vielmehr wird die Motivation gefördert, die eigenen Konstrukte noch besser zu machen, nach Lösungen zu suchen", erklärt Föhringer. "Da werden ganz von selbst Weichen für den Weg in technische Berufe gestellt."

Experten aus den umliegenden Firmen sowie aus Schulen, Hochschulen, Industie- und Handelskammern begleiten die Kinder. Sie sind Ansprechpartner und bleiben es auch, wenn es für die Jugendlichen etwa um die Suche nach Praktika geht. Viele Teilnehmer aus den Anfangsjahren der Wissenswerkstatt haben das Sprungbrett genutzt und eine Ausbildung bei einem der umliegenden Betriebe begonnen. Bisher haben weit über 50000 junge Leute die Wissenswerkstatt im Postgebäude am friedrichshafener Bahnhof und im ZF Forum besucht. - Darunter etwa 30% Mädchen. Rund die Hälfte aller Besuche wird über dei Schulen organisiert, 44% der Kinder und Jugentlichen besuchen die Wissenswerkstatt privat.

Mittlerweile wächst das Modell über den ZF Standort Friedrichshafen hinaus, bis nach Diepholz, Passau, Schweinfurt und Saarbrücken. Je nach regionaler Ausprägung sind unterschiedliche Sponsoern mit an Board. Und immer mehr Unternehmen schließen sich dem Erfolgskonzept an. "Technik wird für Kinder und Jugendliche nur dann erlebbar, wenn neben dem Begreifen der technischen Zusammenhänge auch der Praxisbezug sichtbar wird", so Föhringer. Regionale Kleinunternehmer und Handwerksbetreibe unterstützen die Einrichtung monetär, materiell oder ideell, indem Mitarbeiter in der Wissenswerkstatt ihre Expertise anbieten. Die Eltern können sich darauf verlassen,  dass ihre Kinder von pädagogischen Fachkräften betreut werden und die Teilnahme an den Kursen kostenfrei ist.

Das gilt auch für andere außerschulische Lernorte. Viele sind im Didacta-Verband der Bildungswirtschaft vereint. Die Bildungsinitiative leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Bildungschancen, zur Sicherung des Fachkraftnachwuchses im Mint-Bereich und zur Professionalisierung des pädagogischen Personals.

 

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